Draconiden - Meteore - Sternschnuppen - Meteorschauer - Meteorsturm - 2011
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DIE DRACONIDEN

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EINFÜHRUNG

Den meisten Lesern astronomischer Jahrbücher ist der Meteorstrom der Draconiden als Eintrag in der Oktober-Rubrik bekannt. Doch kaum jemand hat wohl bislang solche Meteore selber beobachtet, denn die Draconiden machen sich ausgesprochen rar. In den meisten Jahren treten sie überhaupt nicht in Erscheinung. Nur wenn ihr Ursprungskomet, 21/P Giacobini-Zinner, in Sonnen- und damit in Erdnähe kommt, sind die Draconiden um den 9. Oktober herum aktiv. Es handelt sich also um einen episodischen Meteorschauer, welcher in den genannten Gunstjahren, wie z.B. 1952, 1985, 1998 oder 2005 durchaus eine ZHR von über 500 erreichen kann. Es handelt sich dabei um langsame (20.4 km/s), gelblich leuchtende und überwiegend lichtschwache Sternschnuppen.
Wie der Name sagt, liegt der Radiant im Sternbild Drache (lat. Draco) *. Dieses ist bei uns zirkumpolar, d.h. es geht niemals unter. Somit können Draconiden - so sie denn auftreten - während der gesamten Nacht beobachtet werden. Solange wird man aber gar nicht ausharren müssen, denn das Maximum dieses Schauers ist sehr kurz und spitz. Wenn es am Taghimmel eintritt, kann man in der Nacht davor oder danach nur sehr wenige Draconiden-Meteore sehen. In der Regel wird man dies verschmerzen können, gibt es doch im Jahreslauf mehrere wesentlich besser zu beobachtende und meist ergiebigere Meteorschauer. Doch keinesfalls möchte man Meteorstürme verpassen, wie sie die Draconiden in den Jahren 1933 und 1946 hervorgebracht haben, als kurzzeitig Fallraten von 10000 Sternschnuppen/Stunde beobachtet wurden. Nach dem heutigen Stand der Meteorforschung sind solche immensen Ausbrüche in der absehbaren Zukunft, d.h. vor dem Jahr 2098, nicht zu erwarten. Nach den Vorhersagen einiger Spezialisten sollten die Draconiden aber am 08.10.2011 gegen 22:00 MESZ eine ZHR von etwa 600 erreichen. Die tatsächliche ZHR fiel mit gut 300 zwar geringer als erwartet aus, übertraf einen durchschnittlichen Perseiden-Schauer immer noch um etwa das Dreifache.

* Häufig werden die Draconiden auch nach ihrem Ursprungskometen als "Giacobiniden" bezeichnet, was freilich den astronomischen Nomenklaturregeln widerspricht. Die ganz korrekte Bezeichnung lautet "γ-Draconiden", weil der Radiant in der Nähe des Sterns γ-Draconis (Etamin) liegt. Dies dient auch der Unterscheidung von anderen (unbedeutenden) Meteorströmen, deren Radiant ebenfalls im Sternbild Drache liegt.

GESCHICHTE DER DRACONIDEN

Am 20.12.1900 entdeckte Michel Giacobini in Nizza einen bis dahin unbekannten Kometen, der sich als kurzperiodisch erwies. Eine genaue Bahnbestimmung war aber erst möglich, als der Schweifstern am 23.10.1913 von Ernst Zinner in Bamberg wiedergefunden wurde. Die Umlaufzeit um die Sonne wurde zu 6 1/2 Jahren bestimmt, und es zeigte sich, dass die Bahn von 21P/Giacobini-Zinner, wie er nun hieß, fortlaufend gravierenden Störungen durch den Planeten Jupiter ausgesetzt ist. Dadurch ändert sich der Abstand der Kometen- zur Erdbahn immer wieder, was ich auch auf die Bahnen der von 21P produzierten Meteoroide auswirkt. Schon bald wurde vermutet, dass letztere einen im Oktober aktiven Meteorschauer hervorbringen könnten. Vom 6. - 9. Oktober 1920 beobachtete der bekannte Meteorastronom William Frederick Denning erstmals einige Meteore, welche zweifelsfrei diesem Schauer zugeordnet werden konnten. Als der Komet 1926 wieder in Erdnähe gelangte, konnte der Meteorstrom von verschiedenen Beobachtern bestätigt werden. Nachdem in den Jahren 1927 bis 1932 überhaupt keine Draconiden beobachtet worden waren, wurde deutlich, dass es sich um einen episodischen Meteorschauer handelt.
Im Jahr 1933 konnte man wieder mit Aktivität rechnen, denn der Komet kreuzte die Erdbahnebene nur 80 Tage, bevor die Erde den Bahnknoten mit der Kometenbahn erreichte. Doch wohl niemand hatte mit dem Feuerwerk gerechnet, welches sich am Abend des 9. Oktober 1933 am Himmel über Europa abspielte. Berichte sprechen davon, dass die Sternschnuppen so dicht wie Schneeflocken fielen. Die ZHR wurde nachträglich zu mindestens 6000, vielleicht auch 10000 bestimmt. Die Erwartungen für die nächste Wiederkehr von Giacobini-Zinner im Jahr 1939 waren hoch - doch es wurden keine Draconiden beobachtet, denn diesmal passierte 21/P die Bahn der Erde 136 Tage bevor diese die Kometenbahn kreuzte.

Nach der Enttäuschung von 1939 richteten sich die Blicke erwartungsvoll auf das Jahr 1946, in dem die Erde wie 1933 die Kometenbahn kurz - nur 15 Tage - nach der Passage des Schweifsterns erreichen würde. Und erneut fielen die Meteore wie Schneeflocken, diesmal vor allem für Beobachter in Nordamerika. Die ZHR lag wiederum bei etwa 10000. Erstmals wurde bei dieser Gelegenheit ein Meteorschauer mit Radarsystemen beobachtet. Man fand u.a. heraus, dass sich durch die große Anzahl an Meteoren für etwa 3 Stunden eine zusätzliche Ionosphäre in 90 km Höhe bildete, also genau dort, wo die meisten Sternschnuppen aufleuchten.
1952 brachte eine zwar beachtlichen, aber im Vergleich zu 1946 sehr moderaten Ausbruch der Draconiden, welcher fast ausschließlich mit Radar beobachtet werden konnte. Die Bahn des Kometen hatte sich durch die Schwerkraftwirkung des Jupiters inzwischen so verändert, dass der Meteorstrom kaum noch in Erdnähe gelangte. Eine weitere Bahnstörung im Jahr 1969 verbesserte die Situation wieder, und 1972 wurden die Draconiden nach langen Jahren wieder aktiv, wenn auch die ZHR nur 10 - 15 erreichte. 1985 hatte sich der Orbit des Kometen erneut geändert, und am 08.10.1985, 27 Tage nachdem der Komet die Erdbahn gekreuzt hatte, beobachtete man in Japan einen kurzen, aber eindrucksvollen Meteorschauer mit einer ZHR von etwa 700. Die Erdnähe von Giacobini-Zinner im Jahr 1985 wurde auch genutzt, um erstmals einen Kometen mit einer Raumsonde zu besuchen.

Nach 1985 machten sich die Draconiden wieder rar. Neue Berechnungen weckten dann hohe Erwartungen für 1998, dem Jahr, in dem auch die Serie von großen Leonidenschauern begann. Entsprechend war das wissenschaftliche Interesse an den Draconiden ebenfalls größer denn je. Mit Radarsysteme registrierte man eine ZHR von bis zu 500; in Japan wurde trotz störendem Mondlicht und obwohl die Mehrzahl der Meteore sehr lichtschwach war, visuell eine ZHR von 100 bestimmt.
In den "Leonidenjahren" waren neue Vorhersagemethoden für Meteorströme entwickelt und erfolgreich eingesetzt worden. Und diese Modelle ergaben, dass bei der Wiederkehr des Kometen Giacobini-Zinner im Jahr 2005 keine Draconiden-Aktivität zu erwarten wäre. Doch dann stellte man bei der Auswertung automatischer Radaraufzeichnungen erstaunt fest, dass es am Morgen (Weltzeit) des 08.10.2005 einen beachtlichen Meteorschauer mit einer ZHR um die 150 gegeben hatte; visuelle Beobachtungen in Ostasien ergaben eine ZHR von 40. Die Vorhersage-Modelle mussten einmal mehr überarbeitet werden ...

(Quellen: Gary W. Kronk, Marco Langbroeck, Astronomy.com)

DIE DRACONIDEN 2011

Die führenden Meteorforscher waren sich einig, dass die Draconiden am 8. Oktober 2011 in Erscheinung treten würden. Doch die Meinungen, wie viele Sternschnuppen zu sehen sein würden, gingen weit auseinander. Die meisten Experten sagen eine ZHR von 600, einige sogar von 1000 vorher. Doch Mikhail Maslov erwartet nur eine ZHR von 40 - 50, eventuell noch deutlich weniger. Dass die Prognosen derartig divergierten, war ein Novum. Eines war jedenfalls klar: ganz gleich, was nun passieren sollte, würde dieses Event auf jeden zur weiteren Verfeinerung der komplizierten Grundlagen von Meteorschauer-Prognosen beitragen. Um nicht von den Unwägbarkeiten des Wetters abhängig zu sein, wurde bereits im Jahr 2010 eine internationale Beobachtungscampagne ins Leben gerufen, in deren Mittelpunkt die Draconiden-Beobachtung von hochfliegenden Düsenjets stand.
Sehr interessiert an den Draconiden 2011 war auch die NASA, denn ein großer Meteorschauer kann eine Gefahr für Satelliten bedeuten. Bei einer Geschwindigkeit von 20km/s entfaltet bereits ein sandkorngroßes Teilchen auf Grund seiner kinetischen Energie eine verheerende Wirkung.

Wie sah es nun mit den Beobachtungsmöglichkeiten in Mitteleuropa aus? Eigentlich sehr gut, denn das Maximum der Draconiden war für den 08.10.2011 gegen 22:00 MESZ vorhergesagt *. Dann war es bei uns bereits vollständig dunkel und der Radiant stand etwa 55° über dem Nordwest-Horizont. Noch besser waren die Bedingungen im östlichen Mittelmeergebiet, denn dort stand der Radiant nicht nur etwas höher, sondern auch die Chancen auf klaren Himmel waren statistisch gesehen wesentlich besser als bei uns, wie nachstehende Karte von Jay Anderson deutlich zeigt:

Durchschnittliche Bewölkung im Oktober

Durchschnittliche Bewölkung (in 10%-Schritten) über Europa im Monat Oktober

Auch bei bestem Wetter gab es einen Störenfried, nämlich den fast (91%) vollen Mond, der einen beträchtlichen Teil der meist lichtschwachen Draconiden-Meteore mit seinem hellen Licht überstrahlte. Das spielte allerdings für die meisten Beobachter im deutschsprachigen Raum dann gar keine Rolle, weil es weitgehend bewölkt war. Die wenigen, die klaren Himmel hatten, bekamen einen eindrucksvollen Meteorschauer zu sehen, der genau zum berechneten Zeitpunkt eintraf, aber mit einer ZHR von etwas über 300 deutlich hinter den optimistischeren Prognosen zurückblieb.

* Ein zweites, deutlich schwächeres Maximum (ZHR etwa 60) wurde am gleichen Tag gegen 19:00 MESZ erwartet. Dann hatte in Mitteleuropa die Dämmerung gerade erst eingesetzt, sodass wir davon nichts zu sehen bekommen würden. Wie sich dann herausstellte, trat dieses Maximum allerdings gar nicht in Erscheinung; hier lagen alle Prognosen falsch.

IMO: Draconids show expected outburst

IMO: Draconids 2011 visual data quicklook

AKM e.V. Meteor Forum: Draconidenwetter und -beobachtungen am 8.10.2011

Daniel Fischer: Burst or Bust? Live-Blog zu den Draconiden 2011

Bareket Astro: Draconid 2011 meteor shower - highlights (Youtube-Video)

Stephan Brügger: Draconiden 2011

"Gaustatrollet": Draconid Meteor Shower 2011 and Aurora [HD] (Youtube-Video)

Richard Fleet: Montage of 6 Draconids between 20:08 and 20:12 UT 8th Oct

Marco Langbroek: Draconid meteors 2011, CAMS footage (SETI / NASA) (Youtube-Video)

Marco Langbroek: 248 Draconids from Northern Germany (LANMA results) (dazu noch ein Eindrucksvolles Foto)

Ulrich Rieth: Draconiden 2011 (pdf, 190kb)

Costantino Sigismondi: Airborne observation of 2011 Draconids meteor outburst - the Italian mission

Sky & Telescope: Draconid Meteors Arrive As Forecast

Spaceweather.com: Draconid Borealis

Universe Today: Did The Draconids Perform?


Astro!nfo: Draconiden-Sternschnuppen

Astro Corner: Draconiden - Extrem schwacher Meteorstrom mit seltenen starken Ausbrüchen

Astronomie.de: 8.Oktober 2011 - Ein starker Auftritt der Draconiden

Astronomy.com: Draco's October surprise - An unexpected meteor outburst surprised space-watchers

British Astronomical Association: Draconid Meteor Project 2011 (pdf, 4.5 mb)

Daniel Fischer: Draconiden am 8.10.: großer Ausbruch – oder fast nichts?

Daniel Fischer: Konfusion um die Draconiden 2011

Florian Freistätter: Sternschnuppen-Alarm! Die Draconiden sind im Anmarsch

Jan Hattenbach: Nochmal - Sternschnuppenregen im Oktober?

Jan Hattenbach: Gibt es 2011 einen Sternschnuppenregen?

IMCCE: 2011 Draconids

IMO: Draconids Meteor Shower on 8 October 2011

Gary W. Kronk: Meteor Showers Online - Draconids

Marco Langbroek: Draconids 1998 - Prospects

Mikhail Maslov: Draconids 2011 - prediction of activity

Mikhail Maslov: Draconids 2007 - prediction of activity

Mikhail Maslov: Draconids 2006 - prediction of activity

Mikhail Maslov: Draconids 1901-2100

Meteorobs: Real-time Draconid flux display

Meteor Physics: The 2005 Draconid outburst (pdf, 372 kb)

Meteorwatch: Draconids Meteor Shower 2011

NASA Science: Draconid Meteor Outburst

National Geographic: Draconids Meteor Shower Tonight - But the 2011 show should be the real dazzler, forecasters say

Mikiya Sato: Calculation of the trail in which the appearance of Draconids (Giacobinids) originates in 1998 and 1999

SETI Institute: 2011 Draconids Multi-Instrument Aircraft Campaign

Sky & Telescope: A Deluge of Draconids?

Space.com: October's Draconid Meteor Shower Will Impress, If You Can See It

Space.com: Lackluster Meteor Shower Sets Stage for Big Show in 2011

Space.com: NASA Prepares for Potentially Damaging 2011 Meteor Shower

Spaceref.com: Dramatic Display Forecast for 2011 Draconid Meteors

Jeremy Vaubaillon, Mikiya Sato & Jun-Ichi Watanabe: 2011 Draconids - storm or just an outburst? (pdf, 329 kb)

Wikipedia: Giacobiniden

Wikipedia: Giacobini-Zinner

Bernd Leitenberger: International Comet Explorer (ICE)

Christine Kronberg: Draco

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